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Leseprobe:
Am Abend vor der Lateinschulaufgabe, es war ein Mittwoch, saß Daniel wieder vor dem Fenster und sah hinaus. Er hatte an seine zwei Stunden Hausaufgaben eine dritte Stunde angehängt, um alles noch mal zu wiederholen - nicht ohne den Vorsatz, die zusätzliche Stunde am nächsten Tag wieder abzuziehen. Danach saß er am Fenster und versuchte über seinen Drachen nachzudenken. Draußen hing der grau-nebelige Himmel nur ein paar Zentimeter über den Baumspitzen. Kein Lüftchen rührte sich, und die Menschen warteten mit hochgeschlagenen Mantelkragen in dicken Stiefeln auf den Bus. Daniel zog die Schublade mit den Zeichnungen der letzten Wochen auf und sah sie alle durch, dann nahm er sie, riss sie in Fetzen und warf sie in den Papierkorb. Er würde zuerst einmal diese Schulaufgabe schreiben und dann neu anfangen. Ende Januar war schon fast Frühling, und eine Vier oder Vier plus würde die Eltern endgültig versöhnlich stimmen, nicht nur was die Drachen, sondern auch was Anna und seine vielen Besuche bei den Manzoni betraf. Anna nämlich kam nie zu ihm. Weil eine Frau nie zum Mann kommt, sagte sie, aber der wahre Grund war, dass ihre Mutter es verboten hatte. Die Mutter sagte nie viel mehr als buona sera zu Daniel, obwohl er inzwischen vieles auf italienisch verstand. Sie sprach nicht mit ihm, aber sie sprach mit Anna über ihn, da war er sich ganz sicher. Anna sagte, sie versuche den Vater dazu zu bringen, zurück nach Italien zu gehen, aber dem Vater gefiele es hier, er wolle bleiben. »Und du«, fragte Daniel, »willst du bleiben? « »Vielleicht«, sagte Anna, »vielleicht nicht. Vielleicht bin ich an einem Tag auf und davon wie Claudia.« Claudia hatte eines Tages ganz früh am Morgen ihren Koffer gepackt, war den ganzen Weg zum Bahnhof gelaufen und zurück nach Milano gefahren. Sie hatte einen Zettel in ihrem Zimmer gelassen, auf dem stand nur: »Es ist so kalt hier in Deutschland.« »Wenn du gehst wie Claudia, geh ich mit dir«, sagte Daniel, aber Anna machte nur »Paahh!!«, und er wusste nicht, was es bedeuten sollte. Er saß am Fenster, sah hinaus in den grauen Himmel, dachte an Mailand und an Anna und an die Lateinschulaufgabe am nächsten Tag. Seine Mutter kam ins Zimmer. »Du solltest heute früh ins Bett, wenn du morgen diese Schulaufgabe schreibst, du weißt, wie wichtig die Sache ist.« »Es ist noch nicht mal sieben Uhr, und wir haben noch nicht zu Abend gegessen«, sagte Daniel, »und ich weiß, wie wichtig die Sache ist.« Seine Mutter setzte sich aufs Sofa. »Warum bist du immer so trotzig und grob?« sagte sie leise und sah ihn traurig an. »Wir geben uns so viel Mühe, und du stößt alles von dir.« Daniel konnte es nur schwer ertragen, wenn seine Mutter diese traurigen Augen bekam und sagte 'wir geben uns so viel Mühe'. Er könnte sich zu ihr setzen und sie in den Arm nehmen, aber er wusste, sie würde die Chance nur dazu nutzen, ihm irgendwelche erzieherischen Hinweise in Sachen Schule aufzudrücken. »Geb ich mir etwa keine Mühe?« fragte er deswegen im selben groben Ton. »Ich schreib eine gute Note nach der anderen, und was krieg ich dafür? - Den Hinweis, daß die Arbeit morgen sooo wichtig ist. Ich weiß selber, wie wichtig sie ist. Und Vater redet davon, daß ich mit ein paar Zweiern meine Lateinnote noch in diesem Jahr auf Drei bringen könnte. Mit ein paar Zweiern - als könnte ich mir die aus dem Ärmel schütteln.« »Er meint es nicht so«, sagte seine Mutter leise und stand auf, »er glaubt eben, dass du es noch viel besser könntest.« In der Tür blieb sie noch mal stehen. »Ich glaube, dass du ganz richtig bist, so wie du bist«, sagte sie und lachte ein bisschen. »Das Abendessen ist übrigens fertig, deswegen bin ich gekommen.«
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